magazine

magazin wisper.rocks – #zwei

Damit leben, dass Standpunkt, These, Theorie die Kunst ist.
Ich musste die Leinwände in den Müll werfen. Und woanders diese Leere unterbringen.
Also Magazin. Zeitung. Zeitschrift.
ISS / 08-21

Das Thema ist Essen. Weil es dem Überleben dient, weil es Kunst sein kann, weil damit Maßlosigkeit geht. Essen ist der Kern, die Prämisse, die Nahtoderfahrung. Es ist hier zu
viel davon da und dort zu wenig. Spiel nicht mit dem Essen. Aus Essen Kunst zu machen,
könnte zynisch sein. Wann beginnt aber die Kunst, wann hört Lebensmittel auf?

RESET / 22-43

Der gewaltige Teil des Essens ist, die Grenze nicht zu kennen. Der 13. Juli 2017 war so eine Grenze. Als ich auf dem OP-Tisch saß, wegen eines zermatschten Knies, und ich wusste:
Das hier ist die Grenze. Und dann, nach der OP, habe ich es aufgeschrieben. Was ist mir passiert? Wo wollte ich hin? Will ich sterben? Fressen als Hobby, als Mittelpunkt von allem
ist spätestens da erbärmlich, wo die Kinder an den ausgetrockneten Hafertonnen verrecken. Also hier, auf dieser Erde, wo ich maßlos bin. Wo noch nicht mal purer Genuss eine Rolle spielt, sondern nur reinstopfen. Das will hier erzählt sein. Denn nur so geht es weiter.

Im KRANKEN-AUS / 48-57

Erst wie sich das anfühlt und dann wie es aussieht. Krankenhaus ist Frühstück, Mittagessen, Abendessen als Lebensmittelpunkt, als Ziel, als Fruchtblase, die jeden Tag dreimal platzt.
Ich habe alles aufgeschrieben, jede Kalorie, jedes Gramm Fett abgewogen und abgewogen. Nach reset dann wieder Essen und der kalte Entzug und die Vorwürfe, das schwere Bett,
die sorgenvolle Frau, die ich so liebe und der ich weniger Sorgen bereiten will.

UND ALSO

All das steht hier drin. Von Leiden und von Wollen und wie es weitergeht und wo man hin
kann jenseits von Leere. Alles will erklärt sein und sich dann fragen, ob das Kunst ist,
ob das hier die Leinwand ist, die ich nicht bedienen kann mit, nun ja, zwei linken Händen.
Und wie ich mich noch auf der Kunstschule immer um die Wahrheit gedrückt habe, weil
man ja auch wie Pollock sein wollte, mit all dem Irren und der Sauferei und dem Kaputtmachen, was damals schon anfing. Was wahrscheinlich schon immer da war, was aber jetzt beendet werden muss, weil ich jetzt diese Verantwortung habe. Wegen der Frau, wegen der Firma™
und wegen alldem da draußen, was noch gelebt, geliebt und gesehen werden muss.
Und wie mir hier das Blattgold an den Händen klebte, wie lächerlich das war und wie unfähig.
Wer Fragen hat, stelle sie mir.
DIE MUSIK / 58-61

Die Musik ist auch schon immer da. Wie sie immer jeden Atemzug als Soundtrack begleitet, wie sie mir abhandenkam und dann wieder der absolute Mittelpunkt von allem war. Wie jede Minute des Schaffenmüssens der Gelderbringung nur dazu diente, am Ende im Plattenladen
zu stehen und diese Luft zu atmen und diesen Geruch zu riechen. Und Vinyl kaufen.
All das lässt eine Spotify-Playlist nur erahnen oder auch gar nicht. Aber nun ist sie da.
Break. Zwischen jedem Essen die Musik.

SOS‘ / 62-75

Die lange Tradition, Dinge zu essen und darüber zu befinden, sollte unbedingt auch hier fortgeführt werden. Liest das hier noch jemand? Ein Soßentest macht hier keinen Sinn.
Ich kann mir nicht erklären, warum das hier drinsteht. Warum habe ich das gemacht?
Ich konnte nicht schlafen und eigentlich sollte Max Wendling mit mir zusammen Soßen mit Wurst testen, aber dann war er zu weit weg und der Soßentest fand Klang und Klong in meinem eigenen Kopf und mit dem Teelöffel und bar jeder Bratwurst statt. Und er steht dafür,
dass es keinen Halt, keine Struktur, keine Vision gibt von allem und trotzdem ist alles da.
Das ist mein Leben. Es ist alles da und es tut sich oft so schwer. Talent und dann nicht mehr weiterdenken. Faszinierend und abstoßend zu gleichen Teilen.

INS INTERNET / 76-81

Wie mich dann dieser Irrsinn packte und wie ich alle Musik, alle Fresserei, die Sauferei mit
den Kumpels, die Liebe und das ganze Leben im Digitalen stattfinden ließ. Ohne irgendwas
zu merken, ohne irgendwas merken zu wollen, aber Teil von etwas zu sein, von dem man später mal den anderen Insassen der Nervenheilanstalt erzählen kann. Wie ich Phänomene und richtige Arschlöcher in mein Leben hineinließ, wie ich die Kohlenstoffleute rausnahm,
wie ich mich 8, 9 Jahre irrte, umherirrte und niemanden hatte, der mir das erklären konnte, außer denen, die alle mit mir in der Irrenanstalt waren. Es war alles ein großer Irrtum.
Alles war schrecklich verschwendet und im Moment zu nichts gut. Vielleicht noch eine Handvoll, die wirklich, und da muss ich selbst lachen, so sind wie ich. Am Ende musste
das Experiment beendet werden und der Twitteraccount ist gelöscht. Für immer.

UND DANN INNEHALTEN

Es war mir lange Zeit ein dringendes Bedürfnis: nichts. Dösen, nichts sagen, obwohl ich
immer sagen muss, immer denken muss und immer sagen muss, obwohl es keiner hören kann und will. Dieses Denken, dass man alles erklären muss. Doch nichts kann man erklären. Es ist nur fühlen, sich sehnen nach, einen Gedanken haben, den denken und dann die anderen beobachten, wie sich das anfühlt. Das ist Leben. Man kann nie alt genug ein, dies zu begreifen. Dies begreifen zu wollen. Es ist die Sehnsucht nach der Stille im Kopf. Nach dem großen wohligen Rauschen. Und viellecht nach dem Richtig.

So Fahr / 90-105

Jedenfalls ein bisschen. Jedenfalls diese Fahrt zwischen den Jahren nach Saint Tropez
und ins Elsass. Ich schreibe vom Licht, es ging nicht anders. Es hat sich halt so ergeben,
und vom Käse und der Kälte da draußen. Junge, du hast es doch gewusst. Wie wir zufällig diesen Supermarkt in Orgon entdeckten und wie wir bis heute glauben, dass es alles einzigartig ist, und wie wir durch das tiefe Tal hinauf auf einen verschneiten Campingplatz
uns anschrien, bis die Stimme wegblieb, die Seele schwarz wurde und die Sicherungen durchbrannten. Wie wir aber dann zusammenhalten können, wenn wir es wirklich brauchen und müssen und ja auch ewig wollen, nur nicht immer können. Ich liebe dich. Das nicht flehend, aber immer wieder auf- und angemerkt. Weil es so ist, wie es ist.

Impressum / 106

Alle sind wichtig.